BHV-SKP

Auf zu neuen Ufern

Ein Erlebnis, dass uns bis heute nicht loslässt, ist die Abschiebung unseres Klassenkameraden Zijush und dessen Familie. Es ist noch immer schwer für uns zu begreifen, warum - schließlich konnte er gut Deutsch und hatte super Noten. 

Er war voll bei uns integriert, bereits seit fast drei Jahren in Deutschland und ein unverzichtbares Mitglied unserer Gruppe, das wir bis heute schmerzlich vermissen. 

Zijush ist natürlich nicht der einzige Schüler, der unsere Schule aus ähnlichen Gründen verlassen musste und nicht zurückkehren wird. Damit umzugehen ist schwer für uns und außerdem hat das alles bei uns viele Fragen aufgeworfen. Fast alle Kinder in der 7C haben unterschiedlich geartete Migrationshintergründe - müssen die nun auch alle gehen? Und wenn ja wohin? Und wie ist es dort eigentlich? Und warum denn nun genau? Ist hier kein Platz für alle? Außerdem hat es uns betroffen gemacht, da wir uns gemeinsam mit Zijush so engagiert und soviel geschafft hatten und den Lauf der Dinge nun doch nicht ändern konnten.

Mit Frau Carstens haben wir vieles über die Menschenrechte gelernt, auch über das Recht auf Schutz vor politischer Verfolgung! Wie kann es also sein, dass Zijush, selbst ein Rom, in ein Land abgeschoben wird, in dem seine Zukunftsaussichten sehr schlecht sind, er und seine Familie aktiv diskriminiert und schikaniert werden und vielen Gefahren ausgesetzt sind? Ein klarer Menschenrechtsverstoß. Und wie ist es möglich, dass das in Deutschland viele wissen und doch wegsehen? All das sind Fragen, die uns umgetrieben haben und die nach einer Antwort verlangen. 

Nachdem wir uns also wieder etwas gefangen hatten, haben wir entschieden, dass wir auch jetzt nicht untätig bleiben wollen. Wenn Zijush schon nicht bleiben durfte und wir das akzeptieren sollen, wollen wir wenigstens seine und unsere Geschichte erzählen. 

Wir wollen sie so erzählen, dass die Leute nicht wegsehen und es besser verstehen können. Denn wir haben ihn nicht vergessen und das sollen alle anderen auch nicht!  Als wir also darüber nachgedacht haben, wie wir andere Menschen mit unserer Geschichte erreichen, ist uns durch Zufall eine Fotojournalistin im Verein für Gleiche Rechte (dem aus der Hansastraße) begegnet und wollte unsere Geschichte hören. Allegra Schneider. Sie war besonders berührt, als wir ihr berichtet haben, dass Zijush zeitweilig über Videochats an unserem Unterricht teilgenommen hat, weil er in Mazedonien noch keinen Schulplatz hatte und schließlich trotzdem was lernen sollte.

Allegra hat uns daraufhin einige Male besucht und besser kennengelernt. Bei manchen Besuchen brachte sie auch ihre Kamera mit, um festzuhalten, was wir zu sagen hatten. Wir haben also einige Interviews gemacht und auch Zijush per FaceTime interviewt, der gar nicht glauben konnte, dass jemand hören will, was er zu erzählen hat. Während wir mit all diesen Dingen beschäftigt waren, hat Frau Carstens sich ihre eigenen Gedanken gemacht. Sie hatte entschieden, nach Skopje zu fliegen, um Zijush zu besuchen und sich vor Ort selbst ein Bild zu machen. So weit, so gut! Als sie Zijush bei einem unserer Interviews davon erzählte und ihn fragte, was sie ihm aus Deutschland mitbringen könnte, hatte Zijush nur eine Antwort: Rebal!

„Was soll ich dir aus Deutschland mitbringen?“ – „REBAL!“

Rebal ist einer unserer Mitschüler und der beste Freund von Zijush - sie waren fast schon sowas wie Brüder. Für Rebal war es deshalb besonders schwer, als Zijush gehen musste, auch wenn er besser als viele andere versteht, was das bedeutet. Rebal ist nämlich selbst noch nicht lange in Deutschland und ist aus Syrien mit seiner Familie hierher gekommen. 

Als Frau Carstens den Vorschlag von Zijush das erste Mal gehört hat, hat sie natürlich sofort nein gesagt. War ja auch eine sehr abenteuerliche Idee Rebal einfach mit nach Mazedonien zu nehmen. Wir haben dann aber darüber diskutiert - SEHR VIEL diskutiert. 

Erstmal über Reisepässe und Gesetze. Frau Carstens hat also einen Anwalt für Asylrecht gefragt, ob sie überhaupt mit Rebal reisen darf. Immerhin ist er ja minderjährig und ein Flüchtling, mit einem syrischen Pass. Aber der Anwalt gab zu unser aller Erstaunen grünes Licht. Dann haben wir natürlich über Geld gesprochen. Eine solche Reise wäre für Rebal besonders teuer. Die Flüge kosten viel und auch das Hotel. Und weil alles ja mit rechten Dingen zugehen muss, muss einiges an Geld für Anwalt und Notar eingeplant werden, um Vollmachten und Visum zu bezahlen. Da kommt eine Menge zusammen. Die haben wir natürlich nicht.  Die 7C fing also zunächst ohne Frau Carstens an, gemeinsam zu überlegen - was können wir entbehren? Braucht wirklich jeder von uns ein Handy?  Können nicht ein paar Kinder auf ihre PlayStation verzichten oder ein paar alte Spielsachen verkaufen, um Rebal zu helfen die Reise zu bezahlen? 

Erstmal stand Frau Carstens ziemlich fassungslos daneben und hat uns schließlich verboten unsere Habe zu veräußern, um die Reisekosten für Rebal aufzubringen. Sie sagte wir müssen gemeinsam einen anderen Weg finden. So kamen wir dann wieder auf Allegra und unseren Film. 

Was wenn sie mitkäme und wir das alles auch auf Kamera aufnähmen - das müsste die Menschen doch erreichen. Allegra war sofort Feuer und Flamme - so hätten wir schließlich nicht einfach  nur Interviews und Videochats in Deutschland, sondern könnten in Mazedonien weiterfilmen und festhalten, wie Rebal und Zijush sich wieder sehen und ein lang gehegter Traum der beiden in Erfüllung geht. 

Natürlich bringt das Zijush nicht zurück und die Reise wird nicht einfach aber unser Vorhaben war es, den Leuten zu zeigen, was Abschiebung heißt. Dem Thema ein Gesicht zu geben, sowohl der Menschen, die gehen mussten, als auch der Menschen, die zurückbleiben. 

Zu erinnern an die, die gegangen sind und eine Zeit lang Weggefährten für uns waren. Und Antworten auf unsere offenen Fragen zu finden. Unser Ziel ist es unseren fertigen Film auf einer großen Bühne zu präsentieren - im Auswandererhaus in Bremerhaven, im Kino oder im Fernsehen. Wir möchten mit den Menschen zu diesem Thema ins Gespräch kommen und ihnen unsere Geschichte erzählen. 

Zijushs Geschichte erzählen und so an dieses Thema erinnern und etwas in Bewegung bringen. 

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